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Bringt Risiken

Zertifikate sind gefährliche Anlagen für unerfahrene Anleger – was diese tun können, Ansprüche auf Schadensersatz

Zertifikate sind strukturierte Finanzprodukte, die als Schuldverschreibungen von der Wertentwicklung anderer Finanzprodukte abhängen. Banken nutzen Zertifikate als eine Art Refinanzierung. Seit der Krise der Lehman Brothers Bank ist aber spätestens klar geworden, wie gefährlich dieses Anlageprodukt für Anleger – und vor allem Anleger, die die Tragweite und Risiken von Zertifikaten nicht gänzlich durchschauen können – sein kann.

Deshalb wird vermehrt gefordert, dass Zertifikate nicht mehr an private Anleger verkauft werden dürften oder der Erwerb durch diese zumindest erschwert werden müsste. So bringt Klaus Rotter in seinem Beitrag in der ZRP 201 (S. 27) an, dass von einer gesetzlichen Regelungslücke auszugehen ist und der Gesetzgeber diese schnellstmöglich füllen sollte.



Strukturierte Finanzprodukte erfuhren seit dem Jahr 2002 einen Boom, begründet durch die Rechtsprechung des BGH, da die Emittenten dieser Produkte eine gesetzliche Lücke ausnutzen: der BGH entschied, dass Aktienanleihen – welche eine Sonderform von Zertifikaten darstellen - nicht als Börsentermingeschäfte angesehen werden für welche strengere Bestimmungen, wie z.B. schriftliche Informationen zu den Risiken der Anlage, gelten. Danach stieg das Marktvolumen an Zertifikaten erheblich an, da Emittenten also keine strengeren Vorschriften bei dem Verkauf der Zertifikate beachten mussten. Dies ist vor allem auch mit Blick auf die strengen Vorschriften zu Investmentfonds unbillig, da der Anleger bei diesen nicht das Bonitätsrisiko der Emittenten tragen muss und damit sogar risikoärmer ist als ein Zertifikat. Demnach kann davon ausgegangen werden, dass der Gesetzgeber den uneingeschränkten Zugang privater Anleger zu Zertifikaten nicht bedacht hat und folglich eine Regelungslücke vorliegt.



Weiterhin sehen selbst Emittenten ausweislich ihrer Basisprospekte den Verkauf von Zertifikaten regelmäßig nur an professionelle Anleger vor. In der Praxis wird aber oft unerfahrenen Anlegern ein Zertifikat verkauft, wobei ihnen das Basisprospekt nicht einmal überreicht wird. Würde der Gesetzgeber also diesbezüglich eine Regelung treffen, so würde er ohnehin nur die Einstufung der Emittenten übernehmen, sodass diese sich wohl kaum gegen die gesetzliche Regelung wenden würden.



Weiterhin sind die zu erhaltenden Leistungen der Zertifikate selbst für professionelle Anleger schwer zu durchschauen, da sie aus hochkomplexen mathematischen Formeln bestehen. Dies führt zu einer Intransparenz, da der Anleger nicht erkennen kann, welche Leistungen er durch das Zertifikat erhalten wird. Hierunter lässt sich auch das Problem fassen, dass die Preisfeststellung z.B. beim Ausgabepreis eines Zertifikats durch die Emittenten selbst erfolgt und nicht mehr von unabhängigen Dritten untersucht wird. Die Preisfeststellung ist also im Gegensatz zum Börsenpreis von Wertpapieren, welche der tatsächlichen Marktlage entsprechen, von den Emittenten stark beeinflusst.



Rotter bemängelt an der gängigen Praxis des Verkaufs von Zertifikaten auch, dass die Bezeichnungen der Zertifikate dazu geeignet sind, den Kunden gezielt in die Irre zu führen. So werde z.B. das „Bayern Relax Express-Zertifikat“ durch die Bayerische Landesbank vertrieben, wobei der Kunde den Eindruck gewinnt, er könne entspannt („Relax“) anlegen, obwohl es sich tatsächlich um ein hochspekulatives Finanzprodukt handelt.



Könne sich der Gesetzgeber schon nicht zu einem Gesetz durchringen, so sollte doch zumindest ein schriftlicher Warnhinweis an die Kunden der Zertifikate Pflicht werden. Allerdings wäre es nach dem oben Gesagten wünschenswert, dass ein Verkaufsverbot von Zertifikaten an Privatanleger eingeführt wird, da diese nur so effizient vor erheblichen Verlusten – wie sie auch in der Finanzkrise entstanden sind – geschützt werden können. Dass eine solche Regelung nicht ungewöhnlich ist, erkennt man auch mit Blick auf die amerikanische Börse: in den USA ist der Verkauf von Zertifikaten an Privatanleger verboten, vielmehr werden diese nur an besonders zertifizierte Investoren mit viel Erfahrung verkauft, welche auch hohe Risiken tragen können, da Zertifikate in den USA nämlich erst einer vollumgänglichen Prüfung durch die Wertpapieraufsicht SEC standhalten müssen.



Folglich hätten Zertifikate nicht allzu leicht an private Kunden durch die Banken verkauft werden dürfen, sodass sich die Banken im Einzelfall schadensersatzpflichtig gemacht haben, wenn ihnen eine Aufklärungspflichtverletzung vorzuwerfen ist. Rechtsanwalt Dr. Ralf Stoll von der Dr. Stoll & Kollegen Rechtsanwaltsgesellschaft mbH weist darauf hin, dass eine fehlerhafte Anlageberatung und somit ein Schadensersatzanspruch dann vorliegt, „wenn die Anlageberater die Kunden nicht ordnungsgemäß über die speziellen Risiken von Zertifikaten aufgeklärt und damit nicht anlage- und anlegergerecht beraten haben.“ Geschädigte Anleger von Zertifikaten sollten sich deshalb an einen im Kapitalanlagerecht tätigen Rechtsanwalt wenden, da somit die Verluste aus den Zertifikaten begrenzt oder der Anleger sogar völlig schadlos gestellt werden kann.



Quelle: Klaus Rotter ZRP 201 (S. 27)

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